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Proportionen 

Leonardo da Vinci übernimmt die proportionale Einteilung der Figur nach den Vorgaben von Vitruv. Bei genauer Betrachtung erkennt man sogar die horizontal verlaufenden Linien im Gesicht der Figur sehr gut.

Text zu Vitruv: „Der Körper des Menschen ist so geformt, dass das Gesicht vom Kinn bis zum oberen Ende der Stirn und dem unteren Rand des Haarschopfes 1/10 beträgt. Die Handfläche von der Handwurzel bis zur Spitze des Fingers ebenso viel. Der Kopf vom Kinn bis zum höchsten Punkt des Scheitels 1/8. Vom unteren Teil des Kinns aber, bis zu den Nasenlöchern ist der dritte Teil des Gesichts selbst. Ebenso viel die Nase von den Nasenlöchern bis zur Mitte der Linie der Augenbrauen. Von dieser Linie bis zum Haaransatz wird die Stirn gebildet -ebenfalls 1/3.“

Im Großen und Ganzen ist der Proportionskanon wie folgt zu verstehen: Wenn der Kopf 1/8 der Gesamtkörperlänge ausmacht, dann sind das bei einer Körpergröße von 1,80m =22,5cm. Ein Zehntel vom Kinn bis zum Haaransatz entsprechen demnach ca. 18cm. Dieses Zehntel in Drittel aufgeteilt, ergibt 3 mal je 6cm. Damit bleibt ein Restabstand von ca. 4,5cm vom Haaransatz bis zum höchsten Punkt des Scheitels übrig. Dies zu wissen ist wichtig, denn diese 4,5cm sind 1/40 der Gesamtkörperlänge von 1,80m. Das weist auf die Herangehensweise da Vincis hin, die sich in einer ausgefeilten, recht feinen Rasterung zeigt und er somit -unabhängig von irgendwelchen Maßeinheiten- frei agieren, aber auch einfach berechnen kann.

Eine Besonderheit stellt die Schlüsselbeinlinie dar. Sie liegt auf der oberen Sechstel-Einteilung des Quadrates, aber ihre Länge (ca. 2,37cm) lässt sich zunächst in kein Maß einordnen. Die Bezeichnung „Schlüsselbein“ existierte bereits in der Antike, es leitet sich aus dem Lateinischen (clavicula = kleiner Schlüssel) ab. Es wird sich zeigen, dass es tatsächlich der Hinweis da Vincis ist, dass die Endpunkte dieser Linie der „Schlüssel“ zum Auffinden der Quadratur des Kreises sind.

Die Positionierung der Brustlinie hat eine große Bedeutung im Gesamtzusammenhang dieser Zeichnung. Die Brustlinie begrenzt u. a. das obere Viertel des Quadrates und ihre Länge sollte vermeintlich bei einem Fünftel der Quadratseitenlänge liegen -sie ist aber ca. 3,7cm lang! Die Brustwarzen liegen ca. 1,94cm auseinander.

Die Augen der Figur vermitteln einen sehr eindringlichen, ja fast „stechenden“ Blick auf den Betrachter. Das hat einen Grund, wie wir später sehen werden. Der Pupillenabstand beträgt hier ca. 0,72cm =1/25a

Grundsätzlich weichen die ausgemessenen Strecken von den vermeintlch idealen Maßen ab: Statt 1/5 =3,6cm …3,7cm; statt 2,4cm… 2,37cm. Das sind keine Messungenauigkeiten, keine Messfehler, oder ist gar den Limitationen der Materialien zu da Vincis Zeiten zuzuschreiben. Da Vinci hatte die Fähigkeit, aber auch den Ruf -und insbesondere hier, bei diesem einzigartigen Unikat ist es zu sehen- eine außergewöhnlich präzise Handführung zu besitzen.

Überdies nimmt man an, dass das Gesicht der Figur, Leonardos Selbstbildnis ist. Quellenangaben zu Folge, hat Leonardo da Vinci diese Zeichnung im Alter zwischen 38 und 40 Jahren angefertigt. Das Gesicht könnte durchaus diesem Alter entsprechen…
Das Problem dabei: Die tadellose Linienführung und die Präzision aller anatomischen Merkmale setzt zunächst einmal ein hochintensives Studium der menschlichen Anatomie voraus, gepaart mit einer sehr ausgereiften Fertigkeit der Handführung und in Kombination mit einem perfekt geschulten Augenmaß. Theoretisch könnte dies natürlich ein damaliger Mensch mit 38 Jahren so (nach-) zeichnen. Aber diese fast fotografisch wirkenden Gesichtszüge, dieses Spiel mit Licht und Schatten, die absolut fehlerfreie Linienführung, das Beherrschen der Federführung und des Tintenflusses, die ruhige und präzis-parallelisierte Schraffierung neben der Figur -das alles braucht sehr, sehr viel Erfahrung, Sicherheit und Souveränität. Diese Zeichnung wird daher ganz sicher in einem späteren Lebensabschnitt zu Blatt gebracht worden sein…

Dieser hier vorliegenden Analyse zu Folge und der eindeutigen Datierung seiner Aussagen zur Quadratur, wird Leonardo da Vinci diese Zeichnung wohl erst im Alter von ca. 52 Jahren angefertigt haben -und zwar nach dem 30. November 1504. („In der Nacht von St. Andreas fand ich das Ende der Quadratur des Kreises …„)