Leonardo daVinci

Skalierung der Maßleiste

Diese Maßleiste gibt Rätsel auf. Auch, dass es eine solche überhaupt gibt. Allein das ist schon außergewöhnlich, denn normalerweise geschehen Messungen für ein Kunstwerk in Vorzeichnungen und im verborgenen Hintergrund. Dann ist da noch diese seltsame Skalierung, die zwar eine gewisse Symmetrie zeigt, aber nicht durchgehend verläuft und dann auch noch verschiedene Abstände zeigt…

Diejenigen, die eine Erklärung für diese seltsam platzierten Abstände zwischen den Markierungen gesucht haben, vermuten einen direkten Bezug zur Figur und zur alten römischen Maßeinheit „Digitus“. Doch so richtig passt beides nicht!

Betrachtet man die hier durchgezogenen Linien, dann treffen davon nur wenige überhaupt die Fingerspitzen und die Zehen, keine davon trifft die eingezeicheten Linien auf den Armen des homo ad quadratum -und sie treffen keinen geometrischen Schnittpunkt zwischen Kreis und Quadrat. Wozu dann diese präsente Maßleiste?

Ähnlich rätselhaft verhält es sich mit der altrömischen Maßeinheit: Digitus. Ein Digitus sind heutige 1,852cm. Bei einer Grundseitenlänge des Quadrates von 18cm sind dies ca. 9,7 digiti. Es passt hier nicht und es passt insbesondere deshalb nicht, weil die Geometrien in ihrer Proportionalität zueinander gebunden sind -wollte man diese vergrößern bzw. verkleinern. Die größeren Abstände, links und rechts auf der Maßleiste, betragen nach heutiger Lesart 0,75cm. Jedoch liegen die Abstände tatsächlich zwischen 0,76 und 0,78cm. Die kleinen Abstände sollen 1/96 =1,875mm der Grundseitenlänge betragen, sie sind im Verhältnis jedoch, mit ca. 1,91mm, signifikant größer…

Was diese Maßleiste allerdings grundsätzlich bewirkt, ist, dass sie zum Messen animiert! Und Interessierte werden -ja, sollen es auch tun. Denn das hat da Vinci auf jeden Fall erreicht -und das haben inzwischen viele, viele Menschen in den letzten 1-2 Jahrhunderten getan.

Hinweis: Gleichgültig, was man heutzutage an dieser Zeichnung ausmessen möchte, Zentimeter und Inches gab es zu da Vincis Zeiten nicht. Und er selbst hatte nämlich das gleiche Problem: Welche Maßeinheit sollte die Grundlage dieser Zeichnung sein? Es gab einfach nichts, was man für eine universelle Längeneinheit hätte heranziehen können. Das war seit Menschengedenken so und änderte sich erst mit der Internationalisierung des metrischen Maßes im Jahre 1875.

Körperteile des Menschen wurden immer schon als Maßeinheiten verwendet (…man hatte sie immer dabei…). Könnte es aber sein, dass etwa das Verhältnis zweier Geometrien zueinander als Einheitsmaß geeignet wäre? Zweier gegensätzlicher Grundgeometrien, die nach einer Gesetzmäßigkeit immer im proportionalen Verhältnis zueinander stehen? Das könnte funktionieren…

Das einzige Maß, welches dahingehend exakt abgeleitet werden konnte, war der Goldene Schnitt! Wollte da Vinci etwa mittels dieser umfassenden Zeichnung, genau diesen zur allgemeingültigen Maßeinheit erheben? Es wäre dann ein universelles Längenmaß, mathematisch eindeutig formuliert, vom  Menschen abgeleitet -und vielleicht mit der Vervielfältigung* dieser Zeichnung bald überall gültig?

*Johannes Gutenberg aus Mainz hat den Buchdruck bereits gegen ca. 1450 so perfektioniert, dass ab ca. 1452 -dem Geburtsjahr da Vincis- die sog. Gutenbergbibel gedruckt werden konnte. Diese technische Innovation verbreitete sich wie ein Lauffeuer innerhalb Europas.