Bild 1: Francesco di Giorgio Martini (1481/1484); Firenze, Biblioteca Laurenziana

Bild 2: Giacomo Andrea da Ferrara; ca. 1480 (entzerrte Fassung)

Bild 1 und 2 entnommen aus: Toby Lester, „Die Symmetrie der Welt“, Berlin Verlag 2012

Bild 3: Collage: Giacomo Andrea da Ferrara kombiniert mit Leonardo da Vinci

Mensch, Naturgesetze, Geometrie

Es gab bereits vor Leonardo da Vinci einige Versuche, eine Figur in Kreis und Quadrat einzufassen. Meistens wurde dabei aber der Kreismittelpunkt und die Mitte des Quadrates gleichgesetzt.

Dass die Körperhöhe eines Menschen quasi seiner Armspanne entspricht, ist als Merkmal seit Menschengedenken bekannt. In der Geometrie ist es das Quadrat, durch welches dies symbolisiert werden kann. Ein Kreis bzw. eine Kugel stehen im Prinzip für das Vollkommene.

Bild 1: Die erste bekannte Zeichnung des Vitruvianischen Menschen stammt von Francesco di Giorgio Martini (1439-1501), veröffentlicht 1481/1484 in seiner Buchausgabe Trattato di architettura civile e militare. Leonardo da Vinci und Martini sind sich Mitte der 1480er Jahre in Mailand bzw. Pavia beruflich begegnet. Beide begleiteten die Planung von Bauprojekten. Es ist jedoch nicht bekannt, wie intensiv und wie lange sie sich über das gemeinsame Interesse zur Architektur ausgetauscht haben.

Bild 2: Diese Zeichnung (ca.1490) ist ein Zufallsfund. Sie wurde erst Ende der 1980er Jahre von Claudio Sgarbi in einer Bibliothek in Ferrara entdeckt. Sie stammt von Giacomo Andrea da Ferrara.
Der Mathematiker und Wegbegleiter da Vincis, Luca Pacioli, notierte die enge Freundschaft zwischen da Vinci und Andrea in einer Widmung an Ludovico Sforza: „Dort war auch Giacomo Andrea da Ferrara, ihm so lieb wie ein Bruder, der eifrige Leser von Vitruvs Werken…“

Diese Zeichnung zeigt erstmalig die außergewöhnliche Anordnung von Kreis und Quadrat in der Form, wie wir sie von da Vincis Zeichnung her kennen. Außergeöhnlich ist nämlich, dass der Kreis mittig auf der Grundseite des Quadrates steht.
Im Besonderen ist es aber auch das Größenverhältnis beider Geometrien zueinander, zu erkennen an den dafür typischen, oberen Schnittpunkten („Ecken“, „Zipfel“) zwischen Kreis und Quadrat. Hier muss es also vorangestellte, mathematisch-geometrische Versuche und Berechnungen gegeben haben, damit eben genau dieses typische, proportionale Verhältnis zwischen Kreis und Quadrat festgelegt werden konnte.

Bild 3: Die Kollage zeigt nun, wie nah die beiden Geometrien tatsächlich beieinander liegen. Dazu wurde die Zeichnung von Ferrara vom Autor technisch entzerrt und die Geometrien anschließend bestmöglich zueinander ausgerichtet. Das Ergebnis zeigt -vom Grundsatz her- eine frappierende Übereinstimmung. Leonardo da Vinci hat diese Zeichnung ganz sicher als Inspiration für seine eigene Ausführung herangezogen. Das ist überhaupt nicht verwerflich, oder schmälert seine überragende Leistung zu seiner eigenen Zeichnung, sondern es zeigt, wie da Vinci aus einer Skizze ein vollkommenes Werk zu schaffen in der Lage war. Entscheidend ist, was man aus einer Vorgabe macht. Und da Vinci hätte sich niemals „dazu herabgelassen“, einfach nur eine vorhandene Zeichnung zu ‚verschönern‘.

Nein, er hat mehr darin gesehen. Ganz im Sinne der Renaissance, dem Zeitgeist einer Epoche, in der der Mensch als das ‚Höchste‘  aller Lebewesen im Mittelpunkt des Daseins steht, könnte es zusammenfassend so umschrieben werden:

„Im Menschen vollenden sich alle Naturgesetze“.

 

„Der Mensch ist das Endergebnis der Evolution“.

oder eben:

„Der Mensch ist die Krönung der Schöpfung“.